Open Access in der Psychologie

Mit ihrer letzten Open-Access-Fachtagung widmete sich die Universitätsbibliothek Bern den spezifischen Fragen zu Open Access in der Psychologie (Februar 2023). Die Reihe der Fachtagung Open Access wurde eröffnet von den Rechtswissenschaften (2016), danach folgten die Geschichte (2020) und die Sprachwissenschaften (2022).

In seiner Begrüssung verweist Dr. Dirk Verdicchio (UB Bern) darauf, dass die diesjährige Tagung mit dem zwanzigjährigen Jubiläum der Berliner Erklärung für freien Zugang zu Wissenschaft zusammenfällt, eine Erklärung, die mittlerweile von 800 Organisationen unterschrieben wurde, inklusive der Universität Bern und des Schweizerischen Nationalfonds. Vor diesem Hintergrund sollen an der Tagung folgende Fragen angegangen werden: wie hat sich die Open Access Landschaft in der Psychologie bis heute entwickelt, wo gibt es Fortschritte, wie kann im Bereich Psychologie von Open Access Möglichkeiten Gebrauch gemacht werden und wo gibt es noch Probleme, bzw. besteht Handlungsbedarf?

Zahlen zu Open Access

Im Eröffnungsreferat Open Access in der Psychologie hebt Monika Beutler (UB Bern) den Open Access Grundgedanken der möglichst hürdenlosen Zugänglichkeit von Wissenschaftsresultaten hervor und gibt einen kurzen Überblick über die verschiedenen Open Access Publikationsarten. Sie geht anschliessend auf die Frage ein, ob und in welchem Ausmass der Anteil an Open Access Zeitschriften und Publikationen in der Psychologie in den letzten Jahren gestiegen ist. Ein Abgleich der 2022 in der Datenbank PsychInfo enthaltenen Psychologie Zeitschriften mit den im Directory of Open Access Journals (DOAJ) aufgeführten Titeln zeigt, dass nur ca. 9% der in PsychInfo vorhandenen Journals Open Access sind und dass gegenüber dem Vorjahr kein prozentualer Zuwachs stattgefunden hat. Im Vergleich dazu sieht laut der Daten des Swiss Open Access Monitors die generelle Open Access Publikationsrate von Artikeln in der Schweiz und von Publikationen an der Universität Bern im Jahr 2022 deutlich besser aus. Aufgrund der vorhandenen Daten lässt sich allerdings nicht eruieren, ob dies auch für das Fach Psychologie der Fall ist. Auffällig ist zudem, dass im Vergleich zu 2019 vor allem die Gold Open Access Publikationen zugenommen, die Green Open Access Publikationen hingegen abgenommen haben.

Die Diskussion im Anschluss an das Referat unterstreicht ebenfalls, dass genaue Vergleiche und Analysen in der Open Access Landschaft nach wie vor relativ schwierig sind, weil nicht alle Länder oder Messungen die gleichen Kriterien für verschiedene Open Access Publikationstypen verwenden. In der Praxis – und vor allem bei der Finanzierung von Open Access Publikationen – ergeben sich zusätzlich auch Probleme, weil gewisse Journals nicht klar positioniert sind oder sich zwar auf dem Papier als Gold Open Access Journals ausgeben, in ihren Geschäftspraktiken aber nicht über alle Zweifel erhaben sind. Dies erschwert auch die Ausgestaltung von Open Access Publikationsfonds, und es stellt sich die Frage, ob neben Open Access Kriterien weitere Richtlinien nötig sind, um zu verhindern, dass gewisse Verlage übermässig von solchen Fonds profitieren oder Nachwuchsforschende durch den Druck, bei renommierten Zeitschriften zu publizieren, benachteiligt sind.

Und der SNF?

Dr. Elio Pellins (UB Bern) Beitrag Open Access: Was verlangt und was bietet der SNF? knüpft nahtlos an diese Diskussion an und fasst zusammen, welche Richtlinien bezüglich Open Access Publikationen beim SNF seit Januar 2023 in Kraft sind. Dabei muss unterschieden werden zwischen Projekten, die bis Ende 2022 bewilligt wurden, und neueren Projekten. Der grosse Unterschied ist, dass bei neuen Projekten für die Publikation von Artikeln keine Embargofrist von sechs Monaten mehr akzeptiert wird, wie das bislang der Fall war. Artikel, die im Rahmen eines vom SNF geförderten Projektes entstehen, müssen also ohne Embargofrist sofort Open Access publiziert werden, wobei der SNF weiterhin die Article Processing Charges (APC) von Gold Open Access Artikeln übernimmt und via die Plattform ChronosHub direkt bezahlt. Des Weiteren verlangt der SNF neu, dass bei Green Open Access Publikationen diese nicht auf akademischen Netzwerkplattformen wie ResearchGate, sondern auf seriösen Repositorien abgelegt und mit einer Lizenz versehen werden. Generell müssen die Rechte an von Verlagen publizierten Texten mit einer CC-BY Lizenz bei den Autor*innen bleiben und dürfen nicht an den Verlag abgetreten werden. Grund für diese Verschärfungen der Richtlinien ist der Beitritt des SNF zu cOAlitions S/Plan S. Zudem verfolgt der SNF weiterhin das Ziel, bis 2024 alle öffentlich finanzierte Forschung frei zugänglich zu machen.

Daten teilen

Prof. Dr. Michael Schulte-Mecklenbeck (Universität Bern) stellt in seinem Referat The (open access) revolution will not be televised drei Thesen auf: 1. Open Science Praktiken erhöhen die Chancen von Forschenden auf dem Stellenmarkt, 2. es können mehr Daten geteilt werden, als dies zum Teil noch Usus ist, da zwischen frei zugänglichen und geschlossenen Datensätzen auch Abstufungen möglich sind, und 3. die Zeit, die für das Erstellen von reproduzierbaren Studien aufgewendet wird, ist keine verlorene Zeit. Die erste These stützt Schulte-Mecklenbeck auf Studien ab, die den Zitationsvorteil von Open Access Publikationen gegenüber geschlossenen Publikationen untersuchen, und auf gegenwärtige Stellenbeschreibungen, die explizit Kompetenzen in Open Science Praktiken einfordern. Für das Teilen von Daten verweist Schulte-Mecklenbeck auf eine Studie von Tedersoo et al. (2021), die zeigt, dass die Praxis, Daten als «available upon (reasonable) request» zu deklarieren, oft nicht dazu führt, dass Daten tatsächlich geteilt werden. Stattdessen empfiehlt sich bei Daten, die aus Datenschutzgründen, nicht direkt oder vollständig öffentlich gemacht werden können, z.B. die Erstellung eines synthetischen Datensatzes (synthetic dataset) mithilfe des R-Pakets sythpop. Bezüglich reproduzierbarer Forschung argumentiert Schulte-Mecklenbeck, dass für solche zwar mehr Zeit in die erste Analyse gesteckt werden muss, dass sich aber dank transparentem Code und mehr Feedback die Resultate besser und schneller überarbeiten lassen. Generell fördern Open Science Praktiken den rigorosen und transparenten Umgang mit Forschungsresultaten, so dass auch negative oder nicht signifikante Ergebnisse publiziert werden. Das Fach Psychologie nimmt hier laut Schulte-Mecklenbeck eine Vorreiterrolle ein.

Fachrepositorium und Publikationsplattform

Zugeschaltet via Zoom präsentieren Dr. Lea Gerhards und Dr. Armin Günther (ZPID Trier) den Beitrag Open Access-Publikationsmöglichkeiten im Fach Psychologie: PsychArchives und PsychOpen Gold. Mit den genannten Plattformen stellt das Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID) Open Access Infrastrukturen zum Archivieren und Veröffentlichen für Forschende bereit. PsychArchives ist eine 2018 in Betrieb genommene kostenfreie Archivierungs- und Veröffentlichungsplattform für Forschende aber auch Berufspraktizierende und ein weiteres interessiertes Publikum. Das Fachrepositorium besticht durch die Vielfalt an digitalen Forschungsobjekten, die sich archivieren lassen (z.B. Code, Konferenzbeiträge, Präregistrierung, Artikel, Forschungsdaten), die Vergabe von DOIs zur Langzeitarchivierung und Zitierbarkeit, die Möglichkeit, Objektdaten zu verknüpfen, so dass separate Elemente eines Projektes vernetzt sind, und durch die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit der Inhalte, die mit Metadaten angereichert und bei Google Scholar, BASE und PubPsych indexiert werden.

Über die 2012 gegründete Open Access Zeitschriftenplattform PsychOpen GOLD werden zurzeit fünfzehn von Forschenden geführte Diamond Open Access Zeitschriften in der Psychologie publiziert. Alle Inhalte werden mit einer freien CC-BY Lizenz vertrieben, und die Zeitschriften profitieren von einem professionellen Journalmanagement mit einem xml-Workflow und internationaler Dissemination. Bei den Zhttps://swisspsychologyopen.com/eitschriften handelt es sich sowohl um neue Zeitschriften als auch um bestehende, die auf Open Access umgestellt haben. Das Diamond Open Access Modell soll auch Autor*innen, die keine APC vermögen, das Publizieren von qualitativ hochstehenden Beiträgen ermöglichen, und tatsächlich zeigt eine Analyse, dass die Autor*innen der fünfzehn Zeitschriften insgesamt aus über 100 Ländern stammen, wenn auch trotzdem noch schwerpunktmässig aus der westlichen Welt. Finanziert werden die Publikationen durch Steuergelder von Bund und Land in Deutschland. Ein Nachteil des gewählten Modells ist die begrenzte Skalierbarkeit aufgrund limitierter Finanzen und Ressourcen. So kann PsychOpen im Moment nicht mehr wachsen, ohne bei der Qualität Abstriche zu machen. Dazu kommt die generelle Herausforderung bei Open Access Journals, dass der Prozess, bis diese in Datenbanken wie Web of Science oder PsychInfo aufgenommen werden und einen Impact Factor aufbauen könne, oft zwei bis drei Jahre dauert, was wiederum den eingangs der Tagung hervorgehobenen Mangel an Zuwachs bei Open Access Zeitschriften in PsychInfo erklärt.

Registered Reports

Aus der Perspektive von jungen Forschenden berichtet Danièle Gubler (Universität Bern) in ihrem Referat Registered Report: Chancen und Herausforderungen von ihren Erfahrungen mit dem Erstellen eines Registered Reports als Dissertation. Das Publikationsformat wird mittlerweile verbreitet von Journals angeboten und dient dazu, wissenschaftliche Studien transparenter, rigoroser und replizierbarer zu machen, indem mit dem Schritt der Präregistrierung die Hypothesen und der gesamte Forschungsplan schon vor der Durchführung der Studie transparent gemacht werden. Bei einer Annahme des Forschungsplans seitens des Journals erhalten Forschende die Garantie, dass ihre Studie publiziert wird, auch wenn sich die Resultate nicht als signifikant erweisen, bzw. die ursprünglichen Hypothesen nicht erhärtet werden können. In der Praxis zeigt sich, dass die Durchführung eines Registered Reports als Dissertation Schwierigkeiten mit sich bringt. Zwar ist es eine Investition in die Zukunft, da Registered Reports tendenziell mehr zitiert werden, aber die benötigte Zeit, eine solche Studie zu erstellen ist potenziell zu lange im Verhältnis zum oft auf drei Jahre begrenzten Doktorat. Vor allem die wiederholten Reviews vor der eigentlichen Durchführung der Studie kosten Zeit und bergen das Risiko, dass im Fall einer Ablehnung der Reviewprozess bei einem neuen Journal wiederholt werden muss und die Studie im schlimmsten Fall nicht fristgerecht abgeschlossen werden kann. Eine weitere Herausforderung des Formats für Doktorierende ist, dass das Studiendesign nachträglich nicht mehr angepasst werden kann, bzw. im Laufe des Doktorats erworbene Kompetenzen und Erfahrungen nicht in das Studiendesign einfliessen können.

Transformation zu Open Access

Im letzten Beitrag der Tagung, Advantages and Challenges of OA Publishing, geht Prof. Nicolas Rothen (FernUni Schweiz) am Beispiel der Zeitschrift Swiss Psychology Open (sp open) nochmals auf die Chancen und Herausforderungen bei der Transformation von Zeitschriften zu Open Access Modellen ein. sp open wurde 2021 neu als Gold Open Access Zeitschrift gegründet, weil die Vorgängerzeitschrift dem Verlag und nicht der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie gehörte und nicht als Open Access Zeitschrift weitergeführt werden konnte. Artikel in sp open werden über APC finanziert, welche sich an den effektiven Publikationskosten (gegenwärtig ca. CHF 500) orientieren und in Härtefällen auch erlassen werden können. Als Vorteile der Transformation sieht Rothen den Umstand, dass sp open nun der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie gehört, grössere Flexibilität bezüglich Publikationsformen hat, eine schnellere und weitere Dissemination der Forschungsergebnisse ermöglicht und Autor*innen die Rechte an ihren Publikationen behalten. Nachteilig hingegen ist, dass die Zeitschrift (noch) keinen Journal Impact Factor aufweist und bei der Platzierung in Datenbanken und der Archivierung von Artikeln nicht von einem Verlag im Hintergrund profitieren kann. Rothen bemerkt, dass die Hauptkriterien von Forschenden zur Auswahl einer Zeitschrift, in der sie publizieren möchten, trotz steigendem Prozentsatz an Open Access Publikationen nach wie vor Reputation und Qualität sind, die Passgenauigkeit mit dem Artikelthema und die Leserschaft der Zeitschrift – und nicht, ob es sich um eine Open Access Zeitschrift handelt. Dies, weil Angaben wie eben der Journal Impact Factor oder andere citation metrics von Zeitschriften immer noch einen Einfluss auf Karrierechancen von Forschenden haben, obwohl sie die Qualität einzelner Publikationen nicht garantieren können und obwohl Studien belegen, dass Open Access Publikationen nicht weniger oft und vielleicht sogar häufiger zitiert werden.

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