Verlage handeln mit persönlichen Daten

Grosse Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Springer Nature und Wiley bauen derzeit ihr Geschäftsmodell um. Weg vom traditionellen Verlagsprogramm entwickeln sie Angebote, die den ganzen Wissenschaftsprozess abdecken sollen: von der Recherche über das Aufbereiten und Speichern von Daten bis zum kooperativen Schreiben und zur Publikation.

Wissenschaftsmonopol

Beim Verlag Elsevier etwa findet sich inzwischen neben den Publikationsplattformen eine ganze Palette an Angeboten und Software für die Wissenschaft, darunter Programme wie Mendeley zur Literaturverwaltung oder Elsevier Pure, eine Plattformzur Verwaltung von Forschungsergebnissen einer ganzen Universität, oder die Elsevier Fingerprint Engine, die den Inhalt von Fachpublikationen analysiert, gewichtet und anschliessend indexiert – also Publikationen sichtbar oder unsichtbar macht. Diese Entwicklung der wissenschaftlichen Verlage kann man durchaus mit Sorge verfolgen.
«Wenn die das durchsetzen, dann hätten wir in der Wissenschaft ein Monopol, das dem von Facebook, Microsoft und SAP in einer Firma entsprechen würde,» konstatiert Björn Brembs, Professor für Neurogenetik an der Universität Regensburg, kürzlich in einem Interview, das der Journalist und Politikwissenschaftler Jan-Martin Wiarda mit ihm und Renke Siems geführt hat.

Schutz der Forschung?

Ein zentraler Aspekt des neuen Geschäftsmodells ist es, möglichst viele persönliche Nutzungsdaten der Forschenden zu sammeln. Die Verlage argumentieren, so die Inhalte hinter ihren Paywalls zu schützen – z. B. gegen umstrittene Anbieter wie SciHub – und darum die Zugriffe kontrollieren zu müssen. Um Ihre Interessen zu wahren haben sich grosse Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Springer Nature, Wiley oder Taylor & Francis sogar zur sog. Scholarly Networks Security Initianive (SNSI) zusammengeschlossen, deren Ziel folgendes sei: «Scholarly Networks Security Initiative (SNSI) brings together publishers and institutions to solve cyber-challenges threatening the integrity of the scientific record, scholarly systems and the safety of personal data.»

Es geht also laut SNSI um nichts weniger als um die Integrität des akademischen Systems, den Schutz vor Cyber-Kriminalität und die Sicherheit persönlicher Daten – für die persönliche Daten gesammelt werden. Die Analysetools, die SNSI anbietet sammeln etwa biometrische Daten wie Tipp-Geschwindigkeit der BenutzerInnen oder verdächtiges Rechercheverhalten, z.B. wenn jemand ausserhalb der eigenen Fächer sucht.
Dass es dabei nicht zuletzt um ein neues Geschäftsmodell, nämlich den Handel mit Daten geht, ist kein Geheimnis. Was von wem mit diesen Daten gemacht wird, dagegen schon.

Das Geschäft mit den Daten

Welche neuen Geschäftsfelder mit solchen Daten erschlossen werden können, zeigt sich bei Relx (ehemals Reed Elsevier). Relx hat 2018 ThreatMetrix aufgekauft und in RELX Risk & Business Analytics integriert, das seinerseits Teil ist der LexisNexis Risk Solutions Group. Über diese Daten(-mengen) verfügen ThreatMetrix und Risk & Business Analytics.

Powerpointfolie 40 von Relx Chief Executive Officer Mark Kelsey’s Präsentation zum Thema “Introduction to Risk & Business Analytics“, London, 08.11.2018

Zu welchem Zweck und an wen solche aufbereiteten Daten verkauft werden können, zeigt sich exemplarisch in den USA. Die Immigration and Customs Enforcement ICE (Einwanderungs- und Zollbehörde) kauft Daten, die sie selbst nicht erheben darf, bei privaten Anbietern wie Thomson Reuters und RELX, die auch juristische Datenbanken wie Westlaw und LexisNexis betreiben. Mit den Daten von Thomson Reuters und RELX soll es der ICE möglich sein, ImmigrantInnen aufzuspüren, zu inhaftieren und abzuschieben.

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